Die russischsprachigen Einwohner in Deutschland sind der Flüchtlingskrise nicht gleichgültig gegenüber. Die meisten scheinen gegen Flüchtlinge zu sein. Doch es gibt auch andere im „russischen Berlin“.

Die russische Ehefrau eines erfolgreichen deutschen Geschäftsmannes ist schockiert über die große Zahl von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen. „Das sind alles Parasiten“, sagt sie einem Reporter der Deutschen Welle beim Essen in einem Berliner Szene-Restaurant.

Ein Ukrainer, der sich selbst als Soziologe bezeichnet, nennt die Flüchtlinge „Höhlenmenschen“.

Der Redakteur einer russischsprachigen Berliner Zeitung meint, die Flüchtlinge kämen ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland. Und die Frau eines jüdischen Mannes, der aus der moldawischen Hauptstadt Chisinau hierher eingewandert ist, fängt tatsächlich an zu schreien, wenn sie nach Flüchtlingen gefragt wird.

Viele russischsprachige Menschen hier haben eines gemeinsam: Als sie nach Deutschland kamen, lebten sie von Sozialhilfe. Viele tun das auch heute noch. Zwischen 2,5 und drei Millionen russischsprachige Menschen leben derzeit in Deutschland. Die meisten sind Deutschstämmige, die vor und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in das Land ihrer Vorfahren kamen.

Darüber hinaus hat Deutschland auch mehrere hunderttausend Juden aus den ehemaligen Sowjetrepubliken aufgenommen. Hinzu kommen politische Flüchtlinge, russische Ehefrauen deutscher Männer und Russen, die für deutsche Unternehmen arbeiten.

Russlanddeutsche protestieren in Berlin gegen Flüchtlinge

Umfragedaten über die Einstellungen russischsprachiger Menschen in Deutschland gibt es nicht. Man kann jedoch ihre Einstellungen beobachten. So wie am vergangenen Samstag, als russischsprachige Einwohner auf die Straße gingen, um gegen die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu protestieren. Der Grund für ihre erhitzte Gemütslage ergab sich aus russischen Fernsehberichten, wonach ein junges Mädchen aus einer russischsprachigen Familie in Berlin angeblich von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden sein soll.

„Viele Kriminelle kommen als Flüchtlinge verkleidet hierher“, sagt Lilia, während sie vor dem Kanzleramt Flugblätter verteilt. Ein Mann namens Viktor erzählt einem DW-Reporter, dass „90 Prozent der hier ankommenden Personen zwischen 25 und 35 Jahre alt sind“. Sie wollen nicht arbeiten.“ Eine andere Person, die an der Demonstration teilnimmt, sagt, dass sie Flüchtlinge aus Syrien aufnimmt, weil dort ein Krieg herrscht.

„Aber was machen Algerier, Marokkaner, Afghanen und Zigeuner hier? Sie alle sollten abgeschoben werden“, fügt sie hinzu. „Sie kommen hierher, um zu rauben, das Wohlfahrtssystem zu missbrauchen und zu vergewaltigen, aber nicht, um sich zu integrieren“, sagt eine andere Frau namens Marina. „Außerdem täten die jungen gesunden Männer besser daran, zu Hause zu bleiben und ihr Land zu verteidigen“, sagt eine andere Frau namens Marina.

Was steckt hinter den einwandererfeindlichen Gefühlen?

Ksenia Tschepikowa und Olaf Leisse, Forscher vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena, sehen drei Hauptgründe für die Ausbreitung einwanderungsfeindlicher Tendenzen unter den Deutschstämmigen.

Da ist zunächst die Frage nach der eigenen Identitätskrise. Sie betrachten sich selbst als Deutsche, aber die meisten Deutschen sehen sie als Ausländer.

Russischstämmige Deutsche haben in Berlin gegen Flüchtlinge protestiert

Der zweite Faktor ist der Verlust ihres früheren sozialen Status. Der Lebensstandard von ethnischen Deutschen ist oft niedriger als der von einheimischen Deutschen.

Der dritte Grund sei, so die Forscher, dass „viele Russlanddeutsche aus Ländern mit einem hohen Maß an Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Islamophobie und Antiamerikanismus kommen“.

‚Neue Nachbarschaft‘ in Moabit

Dennoch ist nicht das gesamte „russische Berlin“ gegen Flüchtlinge. Davon kann man sich in der Beusselstraße 26, im Berliner Stadtteil Moabit, selbst überzeugen. Dort hat die Bürgerinitiative „Neue Nachbarshaft“ ihren Sitz. Organisiert wird die Initiative von Marina Napruschkina, die ursprünglich aus Minsk in Weißrussland stammt.

Sie kam im Jahr 2000 zum Kunststudium nach Berlin, heiratete und bekam ein Kind. Im Jahr 2013 freundete sie sich auf einem lokalen Spielplatz mit Frauen aus Tschetschenien und Dagestan an. Schließlich konnten sie die Behörden davon überzeugen, ihnen einen Raum für einen improvisierten Kindergarten zur Verfügung zu stellen. „Wir brachten unsere eigenen Stühle, Tische, Farben und Papier mit, und wir zeigten Animationsfilme“, sagt Marina.

Nun sind die Flüchtlinge aus dem Nordkaukasus eine Minderheit unter den rund 400 regelmäßigen Besuchern des Zentrums. „Afrikaner, Syrer und Tschetschenen haben alle einen Platz an unserem Tisch“, sagt Marina.

Eine der Hauptaufgaben von „New Neighborhood“ ist der Deutschunterricht. Es gibt allerdings keine Zertifikate. Der Unterricht wird von Studenten und Alltagsmenschen aus der Nachbarschaft erteilt. Aber Deutsch lernen ist nicht alles. Maria betont, dass es notwendig ist, die Werte des Landes zu verinnerlichen. Sie sei enttaeuscht, dass viele ihrer frueheren Landsleute den Zuzug neuer Fluechtlinge ablehnen.